
Cerro Tres Picos, Argentina.
Zehn Monate, nachdem ich Patagonien mit dem Bus nach Santiago verlassen hatte, war ich wieder zurรผck. Dank des chilenischen Schuljahrs standen mir nun zwei Monate Zeit zur Verfรผgung, um die Reise im Sรผden weiter fortzusetzen. Und das von Ende Dezember bis Ende Februar โ der besten Reisezeit fรผr Patagonien. In der Zwischenzeit hatte ich mir auch einen kleinen Traum erfรผllt: ein neues Rad zum Reisen โ ein รคuรerst belastbares Mountainbike mit breiten Reifen, welches sich auf Offroadpisten am wohlsten fรผhlt. Um dies gleich mal so richtig einzufahren, konnte es am Anfang wohl auch keine „ganz normale Route“ werden.
Puerto Varas โ Trevelin
Inspiriert von Mark Watson und Hana Black 1 sollte es zunรคchst von Puerto Varas รผber den Paso Bolsรณn nach Lago Puelo in Argentinien gehen. Die Crux dieser Route bildet der Abschnitt zwischen Chile und Argentinien, da dies nur ein schmaler Wanderweg ist, auf dem man mit seinem Rad inklusive dem ganzen Gepรคck auf ein paar Kilometern „wandern“ muss. Ein Prozess, der bei Bikepackern als „Hike-a-Bike“ bekannt ist und oftmals ein groรartiges Naturerlebnis in einer autofreien Umgebung unter meist grรถรeren kรถrperlichen Anstrengungen verspricht. Bis zu diesem Hike-a-Bike-Abschnitt waren es allerdings noch drei Tage gemรผtlichen Einfahrens. Meinem Kรถrper hรคtten 14 Tage vermutlich noch besser getan, dafรผr war allerdings mein Dickschรคdel nicht bereit.






Von Puerto Varas aus ging es zunรคchst auf gutem Asphalt entlang des Lago Llanquihue nach Ensenada. Der anfรคngliche Regen legte sich irgendwann und kurz vor Ensenada zog der Himmel sogar so weit auf, dass selbst die Spitze des mรคchtigen Bilderbuchvulkans Osorno zum Vorschein kam. Was fรผr ein groรartiger Start. Ich bog nun ab in Richtung Cochamรณ und befand mich damit auf einem Abschnitt, den ich zuvor bereits im Februar geradelt war. Am Rรญo Puelo verlieร ich die altbekannte Strecke in Richtung des Lago Tagua Tagua und schaffte es dort sogar noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang von Tag zwei der Tour auf die Fรคhre รผber den See. 2 Auf der anderen Seite befand sich ein รคuรerst komfortables, rundum geschlossenes Wartehรคuschen, welches ich spontan als Nachtlager auswรคhlte. Irgendwann kam ein Mitarbeiter der Fรคhrgesellschaft, um mir zu erklรคren, dass man da nicht schlafen dรผrfe โ doch leider verstand ich an dem Abend kein Spanisch. Mit dem ganzen Regen, der in der Nacht noch herunterkam, war ich ziemlich froh รผber den komfortablen und trockenen Schlafplatz.
Der nรคchste Tag begann regnerisch, aber trotzdem machte das Radfahren extrem viel Spaร. Die Schotterstraรe war fast nicht befahren, da das Tal des Rรญo Puelos fรผr Autofahrer eine Sackgasse ist und an den 60 Kilometern Straรe sรผdlich des Lago Tagua Tagua auch nur noch ein paar kleine Siedlungen liegen. Das Tal war dicht bewaldet, selbst an den Berghรคngen zog sich der dichte, saftig grรผne Wald hinauf. Nur ab und zu ging es mal an einer Weide oder ein paar Holzhรคusern vorbei. Die Wolken zogen langsam durch das Tal und sorgten fรผr eine atmosphรคrische Stimmung. Die Straรe war in einem guten Zustand und auch die Anstiege ganz gut machbar, sodass ich es bis 17 Uhr nach Segundo Corral schaffte โ dem Ende der Straรe. Gleich bei der Bushaltestelle befand sich ein durch ein Gatter verschlossener schmaler Weg, auf dem es weiter in Richtung des Puerto Casa Negra ging. Es waren zwar nur noch zwei Kilometer, doch mit ein paar ersten Hindernissen kostete dieser Abschnitt fast eine halbe Stunde bis zum „Puerto“. Der Puerto war nichts weiter als eine gut zugรคngliche Stelle des Flussufers, wo sich ein Boot gut festmachen lรคsstย โ kein Steg oder sonstiges; nur noch ein Holzschild auf dem die Fรคhrzeiten 3 standen. Laut dem Schild wรผrde der Bootsbetrieb freitags ab 18 Uhr fรผr das Wochenende eingestellt werden. Da ich diese Information schon aus Marks Blog-Post hatte, war ich den ganzen Tag รผber auch schon etwas unter Zeitdruck und nun umso glรผcklicher, es noch geschafft zu haben, denn es war Freitag. Ungefรคhr zehn Minuten spรคter kam auch ein Fรคhrmann, der sich bereit erklรคrte, mich mitzunehmen.











Nach dem ca. drei Kilometer langen Bootstrip lag der erste Hike-a-Bike-Abschnitt vor mir. Auf einem steilen Pfad ging es etwa 80 Hรถhenmeter zur chilenischen Carabinero-Station hinauf. Oben angekommen, wollte ich den Carabineros nur Bescheid geben, dass ich die Nacht am um die Ecke liegenden See kampieren und am nรคchsten Morgen offiziell aus Chile ausreisen wollte. Doch mit der Aussicht auf nรคchtlichen Regen luden mich die Carabineros kurzerhand ein, boten mir ein ganzes Zimmer mit Bett an und servierten in ihrer wollig warmen Kรผche eine Art Gulaschsuppe zusammen mit einem heiรen Kaffee. Drauรen schien gerade die Sonne; durch das Kรผchenfenster sah man die Schweine umherlaufen, deren Geschwister es schon in die Suppe geschafft hatten; die Bรคume bewegten sich im Wind hin und her. Der eine Diensthabende behauptete nicht zu Unrecht, dass sein Arbeitsplatz das wahre Paradies sei. Drei Wochen am Stรผck dauert sein Dienst auf der Station, danach gibt es eine Woche frei, um nach Hause zur Familie zu fahren. Hierher gelangt man nur zu Fuร oder zu Pferd, mit der kรผrzesten Anbindung zum Straรennetz mithilfe des Boots entlang des Randes vom Lago Inferior. Carabinero-Stationen wie diese sind die letzten offiziellen Auรenposten des chilenischen Staats in den abgelegenen Grenzregionen des Landes. Auf dem Wanderweg, der von hier nach Argentinien fรผhrt, kommen in der Saison und bei gutem Wetter wohl tรคglich 20 bis 30 Wanderer vorbei, gelegentlich auch mal ein oder zwei verrรผckte Fahrradfahrer. Aber Achtung, alle, die auch gern einmal รผber diese Route aus Chile ausreisen mรถchten: Vor Ort gibt es keine Beamten der Migrationsbehรถrde, man muss deshalb einige Tage vorher online ein Salvo-Conducto-Formular bei der Migrationsbehรถrde ausfรผllen, damit einen die Carabineros dann vor Ort ausstempeln kรถnnen. 4
Der nรคchste Tag brachte durchgรคngig sonniges Wetter. Das erste Stรผck nach der Carabinero-Station lieร sich noch sehr gut radeln, doch dann begann der ungefรคhr acht oder neun Kilometer lange Hike-a-Bike-Abschnitt. Der Weg war sehr schmal, das Gebรผsch streifte permanent an meinen Beinen und manchmal war es so eng, dass das Schieben schon recht kompliziert war. Irgendwann beschloss ich, die Pedalen aus den Kurbeln zu entfernen, um diese nicht stรคndig in die Waden zu bekommen und weniger hรคngen zu bleiben. Das Rad musste sehr oft gehoben werden. An einer Stelle gab es einen Bergbach, der mit dem Rad nicht รผber die vorhandene Brรผcke gequert werden konnte, da dahinter eine kleine Felspassage lag, auf der man schlichtweg nicht mit einem Fahrrad langkommt. An dieser Stelle war es jedoch mรถglich gewesen, das Gepรคck abzunehmen und das Rad auf einem anderen Weg durch den Bach zu tragen. Mit dem Erreichen der argentinischen Seite wird der Weg wieder breiter und an einigen Stellen auch wieder fahrbar, doch kurz vor Erreichen des Lago Puelos gibt es auch dort noch eine kompliziertere Felspassage, auf der man das Rad fรถrmlich nach unten balancieren muss. Hat man dies geschafft, ist der letzte Kilometer ein wunderbar flacher Weg durch das wahre Paradies. Mit einem klassischen Reiserad-Setup und viel Gepรคck ist diese Route keineswegs empfehlenswert. Wenn man leichter unterwegs ist und eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringt, ist es ein tolles Abenteuer. Die Ausblicke entlang des Weges sind wunderschรถn und durch die Abgeschiedenheit hat das Ganze schon etwas Besonderes.











Direkt am Lago Puelo liegt der argentinische Gendarmeria-Posten. Das Pendant zu den chilenischen Carabineros. Er liegt wirklich in einer absolut malerischen Umgebung und ist zum Glรผck auch noch vier Kilometer von der nรคchsten Straรe entfernt, sodass es auch dort noch recht ruhig zugeht, wenn auch nicht so ruhig wie auf der chilenischen Seite. Das Gebiet ist Teil des Lago Puelo Nationalparks und wird aktiv von Wanderern genutzt. Direkt neben der Gendarmeria ist das Kampieren zwischen den Bรคumen am Ufer des Lago Puelos gestattet, eine Option, von der einige Naturliebhaber Gebrauch machten. Es ging jedoch รคuรerst ruhig und friedlich zu, eben ganz wie im Paradies.



Tags darauf lag noch ein etwas lรคngerer, steiler Anstieg vor mir, bei dem nicht an Fahren zu denken war. Der Weg war auf diesem Abschnitt zumindest nicht mehr ganz so schmal und es gab fast keine Hebepassagen. Lediglich kurz vor dem Dorf am Ende des Weges gab es noch eine fiese รberraschung: den Rรญo Azul. Dieser Fluss war ziemlich breit und teilweise mehr als knietief. Seine Strรถmungsgeschwindigkeit war zwar nicht sehr groร, doch hatte ich trotzdem mรคchtig Respekt. Als irgendwann ein paar Wanderer vom anderen Ufer querten, fragte ich kurz um Hilfe und konnte dann das Rad mit einem freundlichen Helfer auf die andere Seite tragen โ etwas, bei dem ich mich definitiv etwas sicherer fรผhlte. Sowohl die Rohloff-Nabe als auch der SON-Nabendynamo sollten nicht unter Wasser getaucht werden, weshalb Schieben absolut keine Option war und auch mit der Strรถmung vermutlich nur zu einem Wegdriften hรคtte fรผhren kรถnnen.
Angekommen im Dorf Lago Puelo hatte ich zwar wieder Asphalt unter den Rรคdern, aber dafรผr andere Probleme zu lรถsen. Ich brauchte Geld, argentinische Pesos, um genau zu sein. Geldautomaten lohnen sich aufgrund der horrenden Gebรผhren in dem Land nicht fรผr Reisende, deshalb nutzt man entweder Western Union oder tauscht US-Dollar. Letztere hatte ich im Gepรคck; vor einem Jahr waren diese schlieรlich in Argentinien noch heiร begehrt. Doch diesmal war es schwieriger. Ich fragte herum und klapperte verschiedene Geschรคfte ab, jedoch erfolglos. Erst einen Tag spรคter in einem anderen Ort sollte es dann klappen.








Fรผr die nรคchsten Kilometer folgte ich der Ruta 40 โ einer Straรe, die in Argentinien schon fast so etwas wie ein Nationalsymbol ist. In genau dieser Ecke des Landes war die Ruta 40 jedoch nicht wirklich spektakulรคr, dafรผr furchtbar stark befahren, und ich war froh, sie schon bald wieder am Abzweig in Richtung Cholila verlassen zu kรถnnen. In der Nรคhe dieses Dorfs befindet sich die Siedlung Villa el Blanco, in der Jorge und Mariela eine Casa de Ciclista 5 erรถffnet haben. Casa de Ciclistas gibt es immer mal wieder an verschiedensten Orten in Sรผdamerika, da, wo passionierte Radler ihre Tรผren fรผr Radreisende รถffnen. Meist handelt es sich um eine kleine Unterkunft nur fรผr Radreisende, die im Selbstversorgermodus genutzt wird, mit einer Spendenbox fรผr die laufenden Kosten. Jorge und Mariela sind selbst Radreisende, wohnen eigentlich in einer Kleinstadt ein paar Kilometer weiter im Norden und haben in Villa el Blanco ganz in der Nรคhe des Nationalparks Los Alerces ein kleines Paradies fรผr Radreisen geschaffen: einen Garten mit Campingwiese, einen kaminbeheizten Aufenthaltsraum mit Kรผche, รผber dem sich ein Matratzenlager befindet, und dazu noch einen kleinen Sanitรคrtrakt. Alles ist liebevoll mit Fahrradteilen dekoriert. Auf den letzten Kilometern vor der Casa de Ciclista liegen sogar gelb bepinselte Steine als Wegweiser, welche die noch verbleibenden Kilometer anzeigen. Es ist wirklich ein traumhafter Ort, an dem man als Radreisender in aller Ruhe entspannen kann. Danke Mariela und Jorge fรผr eure Mรผhen und Anstrengungen, dieses Radfahrer-Paradies zu erschaffen!










Von Villa el Blanco aus sind es nur ungefรคhr 30 Kilometer bis zum Eingang des Nationalparks Los Alerces. Durch den รถstlichen Teil des Parks zieht sich eine schmale Straรe entlang mehrerer Seen bis nach Villa Futalaufquen und von da weiter in die Kleinstadt Trevelin. Entlang der Straรe gibt es jede Menge toller Ausblicke auf die zwischen den Bergen eingebetteten Seen. An verschiedenen Stellen zweigen Wanderwege ab und es gibt mehrere kleine Campingplรคtze mitten im Park, um das Naturspektakel auch รผber Nacht genieรen zu kรถnnen. Ganz klar, dass man da im Sommer nicht ganz allein ist. Zur Ruta 40 ist die Straรe durch den Park sicher die schรถnere Alternative, wenn man auch Eintritt zahlen muss. Zwischen den ganzen Seen und den Bergen befindet sich dichter, ursprรผnglicher Wald. Eine der dort anzufindenden Baumarten sind die Namensgeber des Parkes, die Patagonischen Zypressen oder auf Spanisch Alercen. Diese Bรคume standen wegen ihres begehrten Holzes schon kurz vor der Ausrottung, stehen nun jedoch unter Schutz โ ganz besonders in diesem Nationalpark. Dort soll es wohl auch Exemplare geben, deren Alter auf bis zu 2600 Jahre geschรคtzt wird. 6 Tragisch dabei ist, dass der Park immer wieder von Waldbrรคnden heimgesucht wird; schon 2024 standen einige Hunderte Hektar Wald des Nationalparks aufgrund einer Hitzewelle in Flammen. Ungefรคhr ein oder zwei Wochen nach meinem Besuch, war es leider wieder so weit. Es brannte nicht nur im Nationalpark Los Alerces, sondern auch noch weiter nรถrdlich in der Provinz Chubut.
Trevelin โ Lago Verde

Lago Vintter / Palena.
In Trevelin entschied ich mich einer weiteren Route von Mark und Hana zu folgen. 7 Fรผr die nรคchsten vier Tage standen somit unzรคhlige Kilometer an tief ausgefahrenen argentinischen Calaminas auf dem Programm. Calamina ist das Wort fรผr Wellblech. Auf Schotterstraรen formen sich diese permanent aneinandergereihten Unebenheiten dank des Autoverkehrs. Von Zeit zu Zeit werden deshalb immer wieder Straรenbaumaschinen, sogenannte Grader, zum Glattziehen รผber die Pisten geschickt, doch auf der bevorstehenden Route war das schon lรคnger nicht mehr der Fall. Ich radelte zunรคchst nach Corcovado und war schon auf diesem Abschnitt fast ganz allein unterwegs. Dank der wenigen Fahrzeuge war der Staub der trockenen Piste kein groรes Problem. In Cocovado schlug ich das Zelt auf dem kostenfreien Campingplatz der Gemeinde auf und fรผllte am nรคchsten Morgen noch einmal die Taschen mit Lebensmitteln fรผr die nรคchsten Tage auf.
Kaum hatte ich Corcovado in Richtung Sรผden verlassen, wurde es noch ruhiger. Auf diesem Abschnitt standen nun keine dichten, tiefgrรผnen Wรคlder mehr. Es war eher ein Mix aus Wald, leichter Steppenlandschaft und ausgedehnten Weideflรคchen; insgesamt wesentlich trockener. Zu meiner Rechten boten sich immer wieder spektakulรคre Blicke auf die Gebirgskette der Anden, die hier zwar nicht mehr so hoch war wie beispielsweise in Santiago, dafรผr aber indessen immer รถfter weiรe Spitzen trugen. Trotz der trockneren Umgebung war das Wasser in dieser Gegend Patagoniens noch ein bestimmendes Motiv. Nur ungefรคhr 20 Kilometer nach Cocorvado fand ich an einem Flรผsschen so ein schรถnes Plรคtzchen, dass ich spontan einen Pausetag einlegte und mich immer wieder im Wasser abkรผhlte. Tags drauf hatte ich es zur Mittagspause zum riesigen, bis nach Chile hinein reichenden, Lago General Vintter geschafft und stellte dann am Abend das Zelt am Lago Los Niรฑos auf. Auf der vorerst letzten Etappe in Argentinien, kam ich am nรคchsten Mittag in dem Dorf Doctor Antilio Oscar Viglione an. Ein Ort mitten im Nichts, am Ufer des Rio Pampa, da, wo die Straรe aufhรถrt und sich wirklich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Von hier fรผhrte nur noch ein schmaler Fahrweg weiter, 20 Kilometer bis in das chilenische Dorf Lago Verde. Ich stoppte allerdings schon kurz nach dem Dorf am Lago Pico Nรบmero Cinco. Mit dem absolut sommerlichen Wetter war die Abkรผhlung am Ende des Tages doch immer ein kleiner besonderer Luxus.












Unweit des kleinen Sees befand sich der Gendarmeria-Posten, an dem ich mich am nรคchsten Morgen aus Argentinien ausstempeln lieร. Der freundliche Beamte meinte, ich solle beim Furten des Rio Pico vorsichtig sein, das Wasser wรคre wohl aber nicht so hoch. Er sollte recht behalten. Der Weg fรผhrte nun durch einen Abschnitt verbrannter Erde โ das Feuer lag bestimmt schon zwei oder drei Jahre zurรผck, denn zwischen dem Wald aus toten Baumgerippen wuchs schon รผberall dichtes grรผnes Gebรผsch โ die Natur holt sich irgendwann alles zurรผck. Immer wieder flossen kleine Bรคche รผber den Weg, ein oder zweimal gab es auch ein paar recht sumpfige Stellen, und kurze Zeit spรคter stand ich wieder einmal an der chilenischen Grenze. Es folgte eine kurze Abfahrt in das Dorf Lago Verde. Nach dem offiziellen Einreiseprozess bei den Carabineros, musste ich entscheiden, wie es weitergehen soll: 70 Kilometer รผber die Straรe bis zur Carretera Austral oder nochmal 80 Kilometer mitten durch die absolut einsame Wildnis nach La Tapera, weiter der Route von Mark und Hana folgend. Fรผr die einsame Route sprach natรผrlich die Abgelegenheit der Route und das damit verbundene Abenteuer, dagegen die Flussdurchquerung am Ende der Route, die laut Marks Bericht wohl etwas herausfordernd sein kรถnnte. Nach einem deftigen Mittagessen in einem kleinen Lokal fรผhlte ich mich wieder voller Krรคfte und war bereit fรผr die nรคchste Herausforderung โ irgendwie wรผrde das mit dem Fluss schon klappen, schlieรlich war es die letzten Tage trocken in der Region.
Lago Verde โ Villa la Tapera

Tatsรคchlich war die Entscheidung fรผr die Route nach Villa la Tapera goldrichtig. Ich hatte so viel Freude an der sich bietenden Szenerie, und ob die Magie dieser Strecke auch in Zukunft noch so erhalten bleibt, ist mehr als fraglich.
Von Lago Verde aus muss man zum Beginn der eigentlichen Route nochmal ein Stรผck den Berg hinauf zur argentinischen Grenze, genau genommen ein kleines Stรผck davor. Dort beginnt ein einspuriger Fahrweg, der an vielen Stellen ein Allradfahrzeug voraussetzt. Oder eben ein Fahrrad und genug Motivation fรผr den ein oder anderen Hike-a-Bike-Abschnitt. Der Weg verbindet die beiden Dรถrfer Lago Verde und Villa La Tapera, ist aber kein Weg, รผber den aktuell sinnvoller Verkehr mรถglich wรคre, er wird eher von den anliegenden Bauern genutzt.






Der Beginn der Strecke war absolut traumhaft. Der Weg zog zunรคchst mehrere Bรถgen รผber den offiziellen Grenzverlauf zwischen Chile und Argentinien. Es ging durch unberรผhrten Wald wie aus einem Mรคrchenbuch, dazwischen immer wieder ein paar mit saftig grรผnem Gras รผberzogene Lichtungen, kleine Wasserlรคufe und ab und zu ein paar Gatter, die geรถffnet und wieder verschlossen werden mussten. Weit und breit war niemand zu sehen, nur ich und die unbegreiflich schรถne Natur. Als es schon langsam dรคmmerte, fรผhrte der Weg noch durch einen sehr steilen Gully. Der Weg sah an dieser Stelle sehr frisch aus, er musste erst vor kurzem in dieser Form mit schwerem Gerรคt in die Bergflanken trassiert worden sein. Kurz danach fand ich auf einer ebenen Wiese ein passendes Plรคtzchen fรผr das Zelt.
Am nรคchsten Morgen stand der erste der drei groรen Anstiege dieser Etappe bevor. Teilweise lieร er sich fahren, doch den Groรteil schob ich das Fahrrad einfach nur nach oben, fleiรig vor mich hin fluchend, wobei der Schweiร nur so lief. Der Weg war wunderbar trocken, manchmal etwas zu gerรถllig, aber er erforderte keine besondere Technik, er war einfach nur steil. Die hรคsslichste Herausforderung waren dabei vermutlich die dicken Bremsen. Denn immer dann, wenn das Fahrrad den steilen Berg hinaufmusste und ich so entsprechend langsam war, hatten diese leichtes Spiel. Statistisch gesehen habe ich aber mehr Bremsen erlegt als Bremsenbisse kassiert.





Nach dem ersten Anstieg ging es eine ziemlich verblockte Abfahrt hinunter, die mit dem neuen Mountainbike richtig Spaร machte. Es folgte ein schรถner kurzer Waldabschnitt mit ein paar Bachquerungen, bevor es in den zweiten Anstieg ging. Dieser war weniger verblockt, dafรผr gefรผhlt lรคnger und steiler. Auf diesem Abschnitt kam mir erst ein Pickup mit zwei freundlichen Chilenen entgegen, die meinten, dass ich gut bis La Tapera durchkommen wรผrde. Gleich darauf passierte ich einen Radlader, der den Fahrweg in den von Erdrutschen betroffenen Kurven ausbesserte. Am Ende dieses Anstiegs angekommen, befand ich mich auf einer Art alpiner Wiese, die von einem kleinen Bachlauf sowie ein paar ausgetrockneten Tรผmpeln durchzogen war. Dazu das Panorama eines markanten, mit Schnee bedeckten Felsmassivs direkt gegenรผber der Wiese. Definitiv ein Anblick, fรผr den sich der schweiรtreibende Anstieg zuvor gelohnt hat. Die sich anschlieรende Abfahrt war sehr gut fahrbar und es ging nun wieder auf einem lรคngeren Stรผck durch einen absoluten Mรคrchenwald. Jeder Baum war irgendwie anders krummgewachsen, wunderbar mit leuchtendem Moos dekoriert und keineswegs langweilig zum Anschauen. Wenn sich mal ein Fenster zwischen den ganzen รsten auftat, konnte man die Spitze des imposanten Cerro de los Contrabandistas sehen. Angekommen an einer Lichtung mit einem klaren Bergbach, war klar, dass dies ein perfekt idyllischer Zeltplatz ist โ somit wurde es eine eher kurze Tagesetappe.












Tags darauf ging es weiter nach unten, natรผrlich nicht ohne immer wieder auch kurze Abschnitte mit kleinen Anstiegen zu passieren. Doch plรถtzlich kam ich nicht weiter. Der GPX-Track passte nicht mehr ganz zum Weg; ich befand mich offensichtlich auf einer neueren Wegfรผhrung durch das Tal. Direkt vor mir befand sich ein Stahltor, versperrt mit einem Schloss. Alle Gatter und Tore zuvor waren stets nicht abgeschlossen, lediglich mit einer Kette oder einem Seil gesichert. Links und rechts des Tores gab es auch kein richtiges Vorbeikommen. Ein paar hundert Meter entfernt stand eine kleine Hรผtte, daneben ein kleiner Schober, und auch zwei oder drei neugierige Pferde trabten herum. Sonst war jedoch niemand da. Dann fand ich den zum eigentlichen GPX-Track gehรถrenden Weg, doch auch da war Schluss. An der Stelle befand sich ein Gatter, das mittlerweile eher die Funktion eines permanenten Zauns hatte. Dieses doppelflรผglige Gatter lieร sich jedoch auf einer Seite mit etwas Mรผhe aus seiner Verankerung heben und somit konnte ich regelrecht ausbรผchsen. Natรผrlich nicht, ohne das Gatter hinter mir wieder in seine ursprรผngliche Form zurรผckzuhรคngen. Ich musste nun direkt einen Bach รผberqueren und war dann wieder auf dem Weg, den mir auch das Navi zeigte. Es war offensichtlich ein alter Weg, denn hier lagen einige umgefallene Bรคume. Immer wieder musste ich absteigen und das Rad kurz heben. Ungefรคhr einen Kilometer spรคter stieร von rechts der neue, aber abgesperrte Weg dazu.
Es ging weiter zum Rio Cรกceres herab. Irgendwann kam mir ein Bauteam entgegen, bestehend aus zwei Pickups, die einen groรen Kettenbagger begleiten. Kurz darauf rollte ich an einem anderen Bauteam vorbei, das direkt neben dem Fahrweg einen Zaun errichtete. Was ging hier vor sich? War nun die gemรผtliche Einsamkeit vorbei?


Angekommen am Rio Cรกceres hatte ich leichtes Spiel. Es war das erste Mal, dass sich das Rad einfach durch einen kleinen Fluss schieben lieร โ der Wasserstand war nicht sehr hoch. Aber ich war ja auch noch nicht am Rio Cisnes, meinem gefรผrchteten Herausforderer angekommen. Kurz nach der Flussquerung ging es in den dritten und letzten Anstieg hinein, der stellenweise wieder extrem steil war, insgesamt aber viele gut fahrbare Passagen bot. Auch hier kam mir ein weiteres Bauteam aus Pickups und Kettenbagger entgegen. Kurz hinter dem Hรถhepunkt des Anstiegs tauchte eine kleine Lagune auf, perfekt fรผr eine kleine Erfrischung.
Nach der Lagune fรผhrte der Weg im Wesentlichen nur noch nach unten, bis ich mich auf einmal auf einer komplett neu trassierten, zweispurigen Schotterstraรe befand. Die Straรe wirkte wirklich wie frisch dahin gezaubert. Genau an dieser Stelle verlor ich den eigentlichen Track, vermutete aber, dass die noch nicht kartierte Straรe zur Regionalstraรe X-25 fรผhrte, an der mein Ziel La Tapera lag. Insgeheim wollte ich auch gar nicht so richtig nach dem Track suchen, es wรคren nur noch sechs Kilometer gewesen bis zum Rรญo Cisnes, der Stelle, vor der ich etwas Bammel hatte und nach der die Route sowieso zu Ende gewesen wรคre. รber die neue Straรe schwebte ich fรถrmlich zur X-25 und war verwundert, dass es hier mitten im Nichts auf einmal so krass ausgebaute Infrastruktur gab. Auf den letzten sechs Kilometern, die es noch รผber die X-25 nach La Tapera ging, stoppte mich „Teddy“ mit seinem Pickup. Er wollte wissen, ob ich aus Lago Verde komme und wie hoch die einzelnen Wasserstรคnde an den Furten waren. Teddy ist scheinbar Bauinspektor der Straรenbaufirma, die an der Verbindung von Lago Verde und La Tapera arbeitet. In ungefรคhr 20 Jahren wird diese wohl fertig sein, also in dem Zustand einer Regionalstraรe. Und auch wenn die Straรe dann immer noch durch eine wunderschรถne Ecke des Landes verlaufen wird โ Mรคrchenwaldstimmung und Einsamkeit sind dann vermutlich Geschichte.




Angekommen in Villa La Tapera begab ich mich auf eine kleine Tour durch sรคmtliche Tiendas und rollte anschlieรend zum Rรญo Cisnes hinunter. Am Ufer des Flusses hat die Gemeinde drei Asadoplรคtze mit kleinen Pavillons errichtet; der perfekte Ort, um das Zelt aufzustellen. Angekommen am Fluss musste ich lachen: Dieser fรผhrte so wenig Wasser, dass er sich ohne Probleme hรคtte furten lassen.
รber die X-25 waren es am nรคchsten Tag nur noch 50 gemรผtliche Kilometer zur berรผhmten Carretera Austral, deren erstes Drittel ich nun wohl „umfahren“ hatte.
Route
Die Karte direkt bei uMap im Vollbild รถffnen.
Die GPX-Tracks kรถnnen bei uMap heruntergeladen werden oder hier bei Mapy.cz โ da gibts das Ganze auch mit Hรถhenprofil. Die folgende Tabelle kann einen Hinweis zur Zeitplanung geben โ ich bin nicht der Schnellste ๐
| Abschnitt | Zeit (gemรผtlich) | Strecke [km] | Gesamtstrecke [km] |
| Puerto Varas โ Punta Canelo | 2 Tage | 136,2 | 136,2 |
| Punta Maldonado โ Carabineros Paso Bolson | 1 Tag | 68,3 | 204,5 |
| Carabineros Paso Bolson โ Gendarmeria Lago Puelo | 1 Tag | 12,3 | 216,8 |
| Gendarmeria Lago Puelo โ Villa el Blanco | 2 Tage | 83,1 | 299,9 |
| Villa el Blanco โ Trevelin | 2 Tage | 112,5 | 412,4 |
| Trevelin โ Lago Pico No. 5 | 3 Tage | 185,4 | 597,8 |
| Lago Pico No. 5 โ Lago Verde | 0,5 Tage | 16,2 | 614 |
| Lago Verde โ Villa La Tapera | 2,5 Tage | 79,4 | 693,4 |
| Villa La Tapera โ Villa Amengual | 1 Tag | 51,2 | 744,6 |
Reisezeit: Dezember 2025 / Januar 2026
- Mark Watsons Blogpost mit Routenbeschreibung zum Paso Puelo/Bolson[โฉ]
- Die Fรคhre รผber den Lago Tagua Tagua ist eine groรe Autofรคhre. Preise und Fรคhrzeiten kรถnnen auf dieser Website eingesehen werden.[โฉ]
- Puerto Casa Negra: An der Stelle muss man auf ein Boot warten, welches einen รผber den Rรญo Puelo zum Puerto Lago Inferior bringt. Vor Ort fand ich insgesamt zwei Telefonnummern, die beide รผber WhatsApp erreichbar waren. Und ja, รผberraschenderweise gab es an der Stelle auch Mobilfunkempfang. Vermutlich bekommt man auch am Wochenende einen Bootstransfer mit etwas mehr Geduld, wenn man hรถflich fragt und vielleicht bereit ist, ein paar Pesos drauf zu legen.[โฉ]
- Das Salvo Conducto Formular kann auf dieser Website ausgefรผllt werden. Es handelt sich um das letzte Formular auf der Seite, und alle Auslรคnder, die keinen permanenten Aufenthaltsstatus in Chile haben, wรคhlen die Option „Iniciar trรกmite sin ClaveUnica“. Fรผr die Einreise nach Chile ist dieser Prozess nicht notwendig.[โฉ]
- Vor Besuch der Casa de Ciclista „Pedalgรณnicos“, sollte man vorher Kontakt zu Jorge und Mariela aufnehmen, zum Beispiel รผber Instagram oder WhatsApp (die Nummer sollte in Radfahrerkreisen erfragbar sein).[โฉ]
- Wikipedia: Nationalparks Los Alerces [โฉ]
- Mark Watsons Blogpost mit Routenbeschreibung Trevelin – Coyhaique [โฉ]
